Die Stifter Ernestus und Christine, Szene nachempfunden
Zu den ältesten Hospitalstiftungen in Deutschland gehört die Stiftung St. Nikolaus-Stiftshospital in Andernach. Über Jahrhunderte widerstand sie den Stürmen der Zeit, überdauerte Kriege und Seuchen, finanzielle Not und mehrfache Versuche die Stiftung aufzulösen. Aus dem kleinen mittelalterlichen Hospital wurde in 775jähriger christlicher Tradition das moderne, leistungsfähige Krankenhaus St. Nikolaus-Stiftshospital, das Seniorenzentrum Marienstift, das Bildungszentrum für Gesundheitsberufe und das MVZ St. Nikolaus-Stiftshospital, alle geprägt von dem Leitsatz: Fürsorglich. Kompetent. Menschlich.
1. Januar 1250
Die Stifter Ernestus und Christine, Szene nachempfunden
Der Andernacher Schöffe Ernestus und seine Frau Christine geben ihr gesamtes Vermögen für die Stiftung eines Hospitals an der Hochstraße in Andernach. Fromm und auf ihr Seelenheil bedacht stellen sie ebenfalls ihre ganze Arbeitskraft zur Verfügung und übernehmen die Hospitalleitung und die Versorgung alter, schwacher, kranker und verwaister Menschen. Unterstützt werden sie von gläubigen Laien, die sich zu einer Bruderschaft zusammengeschlossen haben.
10. September 1256
Nachgestellte Szene eines schreibenden Mönches, Abtei Rommersdorf (Foto: Thilo Heyl)
Wohl zu Beginn des Jahres 1256 stirbt der Stifter Ernestus. Der Trierer Erzbischof Arnold II. überträgt das Hospital am 10. September dem Abt des Prämonstratenser Klosters Rommersdorf mit dem Auftrag, dass er und seine Nachfolger für das Hospital „in weltlichen wie in geistlichen Belangen genauso väterlich Sorge trage, wie für das eigene Kloster." Der Orden verwaltet das Stiftshospital bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts.
4. März 1280
Das Stiftshospital zum Hl. Nikolaus an der Hochstraße (Rekonstruktion und Foto: Thilo Heyl)
Eine auf diesen Tag datierte Urkunde vermerkt, dass Christine verstorben ist. Bis zu ihrem Ruhestand 1271 hatte sie die Geschicke des Hospitals mitbestimmt. Ab diesem Zeitpunkt ist es jeweils ein von Rommersdorf gesandter Kanoniker, der das Hospital verwaltet und dort auch lebt.
14. und 15. Jahrhundert
Weinberg oberhalb der Stadt Andernach, Ausschnitt aus einem Stich von Hoogenberg, 1591, farblich nachbearbeitet von Thilo Heyl (Original: Archiv Stadtmuseum, Andernach)
Schenkungen, Vererbungen und weitere Zuwendungen erleichtern in der Folgezeit die mildtätige Arbeit des Hospitals und führen allmählich zu einem Anwachsen der Besitztümer, die sich in Hausbesitz, Ackerland und Weinbergen in der Umgebung dokumentieren. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Hospital in jener Zeit auch mehrfach in die Krise gerät, da es den zunehmenden Aufgaben, etwa bei der Armenfürsorge, kaum noch nachkommen kann. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verstärkt die Stadt ihren Einfluss auf die Organisation des Hospitals und stellt die Hospitalmeister. Spätestens ab dem 15. Jahrhundert lassen sich im Stiftshospital aber auch Pfründner nachweisen, die dem Hospital ihren Besitz überlassen und dafür ihren Lebensabend dort gut versorgt verbringen.
ab 1550
Hospitalkapelle an der Hochstraße im 16. Jh. (Zeichnung von Hans Hunder, Stadtmuseum Andernach)
Von der Mitte des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts belegen 44 Urkunden Zuwendungen an das Hospital in teils beträchtlicher Höhe. So vermacht Johann Gerhards im Jahre 1600 seine Güter in Namedy, Gönnersdorf, Niederbreisig und Andernach dem Stiftshospital.
1585
Arzt bei der Harnschau (Uroskopie), Bildausschnitt aus einem Gemälde von Geritt Dou "Die wassersüchtige Frau" (1663) (Wikipedia, gemeinfreies Bild)
Erstmals kann die Tätigkeit eines Arztes im Stiftshospital nachgewiesen werden. Für das Jahr 1587 lässt sich einer Urkunde entnehmen, dass die ärztliche Versorgung von Armen, Kranken und Verwundeten im städtischen Auftrag gesichert ist.
1666
Die Pest 1665 in London (Wikipedia, gemeinfreies Bild)
Im Juli des Jahres wütet die Pest in Andernach. Wie vermutlich bereits in den Jahrhunderten zuvor nimmt das Stiftshospital auch diesmal an der Seuche erkrankte Bürger der Stadt auf, wie das Gesuch um seelsorgerischen Beistand für die Pestkranken im Hospital nahelegt.
1689
Schwedische Truppen nähern sich der Stadt Andernach, 1633 (Archiv Stadtmuseum, Andernach)
Im 17. Jahrhundert wird Andernach während des Dreißigjährigen Krieges (1633) und 1689 von den Truppen des französischen Königs Ludwigs XIV. verwüstet. Verletzte und Verwundete werden in diesen Zeiten auch im Hospital behandelt.
1693
Wikimedia commons, Beggars at a Doorway MET ep71.80.R.
Zeitweilig gehört auch der Geldverleih zu den Einnahmequellen des Hospitals. Krieg und Seuchen im 17. Jahrhundert setzen jedoch der Stadt und den Menschen massiv zu und erschweren zunehmend die Rückzahlungen. 1693 schuldet allein die Stadt Andernach dem Stiftshospital die enorme Summe von 14.356 Goldgulden.
Oktober 1794
Französische Besatzer im Rheinland (Wikipedia, Aus der Franzosenzeit – Henseler, gemeinfrei)
Mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen beginnt eine 20jährige Besatzungszeit für das Rheinland und auch für Andernach. Während die meisten kirchlichen Besitztümer enteignet werden, lassen die Revolutionäre das Eigentum des Stiftshospitals zunächst unangetastet. Das Hospital wird jedoch zeitweise als Lazarett und Magazin genutzt.
25. Februar 1803
Titelseite Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 (Wikipedia, Reichsdeputationshauptschluss, gemeinfrei)
In der Folge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 erhalten diejenigen Fürsten, die ihre linksrheinischen Besitztümer an Frankreich abtreten mussten, auf der rechten Rheinseite Entschädigungen. Dem Stiftshospital geht hierdurch ein erheblicher Teil seines Vermögens verloren.
März 1826
Freiherr Friedrich v. Mering, 1752-1826 (Archiv Stadtmuseum, Andernach FM 18/3) S/W-Foto farblich nachbearbeitet von Thilo Heyl
Als Freiherr Friedrich von Mering im März 1826 in Andernach stirbt, hinterlässt er dem Stiftshospital, dessen wirtschaftliche Situation sich durch die Einbußen der vergangenen Jahrzehnte verschlechtert hatte, eine Erbschaft mit einem Bar- und Grundvermögen von etwa 100.000 Talern. Damit verbunden ist die Auflage, im Hospital separate Räumlichkeiten ausschließlich zur Behandlung erkrankter Menschen einzurichten. Diese weitsichtige Verfügung des Freiherrn leitet nun auch in Andernach den allmählichen Wandel vom mittelalterlich geprägten Hospital zum patientenorientierten Krankenhaus ein.
1834 - 1841
Grundriss des Andernacher Stiftshospitals, Ausschnitt Stadtkarte 1813 (Stadtmuseum, Andernach)
Schon bald zeigt sich, dass das alte Hospital an der Hochstraße für eine Erweiterung zum Krankenhaus zu klein und zu marode ist. Im Ergebnis der Verhandlungen mit der Stadt Andernach kommt es zu einem Grundstückstausch. Die Stadt erhält 1834/35 das alte Hospital und die Stiftung 1841 das 1797 säkularisierte ehemalige Annuntiatenkloster in der Nonnengasse. Der Hospitalkomplex an der Hochstraße wird abgerissen und weicht einem Schulneubau.
1844 - 1846
Ausschnitt Lageplan Hospitalgebäude, vor 1896 (Hausakte Hospital, Bauamt Andernach)
Um die seit 1667 existierende Bausubstanz der Klosteranlage nutzen zu können, wird die Anlage zwischen 1844 und 1846 umgebaut und nach dem Willen des Freiherrn Friedrich von Mering ein Krankenhaus mit sechs Betten eingerichtet. Gleichzeitig bleibt jedoch der Hospitalcharakter und damit die Versorgung Alter, Schwacher und Waisen weiter erhalten.
1. Mai 1846
Borromäerin um 1850. Ostrowitzki, Anja, Amalie von Lassaulx, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/amalie-von-lassaulx/DE-2086/lido/57c93dba9c6930.93465839 (abgerufen am 14.08.2024)
Auf Bitte des Hospitals und nach Abschluss eines Vertrages mit dem Mutterhaus in Nancy treten am 1. Mai 1846 drei Schwestern vom Orden des Hl. Karl Borromäus ihren Dienst im Andernacher Stiftshospital an. Schon ein Jahr später wird eine weitere Schwester angefordert.
1854 - 1861
Prinzregent Wilhelm von Preußen (Wikipedia, Wilhelm I. Deutsches Reich)
1854 ist die Eigenständigkeit des Stiftshospitals während des sog. Hospitalstreits erstmals ernsthaft gefährdet. Die Königliche Regierung in Koblenz unternimmt den Versuch, die Hospitalkommission und die städtisch geführte Armenkommission zu vereinen. Gegen die damit verbundene Gefahr der Kommunalisierung des Hospitals wehrt sich die Kommission und beharrt auf die Selbständigkeit der Stiftung. Der nun einsetzende Streit endet erst 1861 mit der Bestätigung der Eigenständigkeit durch den Prinzregenten Wilhelm von Preußen, dem späteren Kaiser Wilhelm I.
1870/1871
Hospitalgebäude um 1910, Fotoausschnitt (Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH)
Im Krieg gegen Frankreich wird das Stiftshospital in Andernach vermutlich erstmals offiziell zum Hilfslazarett und versorgt über 400 verwundete und erkranke Soldaten.
1896 - 1897
Krankenhausneubau St. Joseph Krankenhaus (Foto Archiv Stadtmuseum Andernach), SW-Aufnahme farblich nachbearbeitet von Thilo Heyl
von links nach rechts: Kapelle, Klostergebäude, Krankenhaus, (in: 750 Jahre Stiftung St. Nikolaus-Stiftshospital in Andernach, Koblenz 2000, S.115)
Das Wachstum der Einwohnerzahl in Andernach, bedingt durch die vermehrte Ansiedlung von Industrie- und Handwerksbetrieben, aber auch die Fortschritte in der Medizin sowie die Einführung der Krankenversicherung (1883), führen zu einem Anstieg der Patientenzahlen und bringen das Hospital zunehmend an seine Kapazitätsgrenzen. 1896 wird daher die Errichtung eines Krankenhausneubaus beschlossen und in nur einem Jahr umgesetzt. Das neue Krankenhaus verfügt über verschiedene Abteilungen mit insgesamt 60 Betten und einen Operationsraum. Es erfolgt eine Umbenennung in "St. Josef Krankenhaus".
Da die traditionellen Aufgaben des Hospitals neben dem Krankenhausbetrieb fortgeführt werden sollen, bilden das Klostergebäude und der Krankenhausneubau sowie die Kapelle eine architektonische Einheit.
1900
Blick auf den Obstgarten des Krankenhauses (Foto Archiv der Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus, Trier) SW-Aufnahme farblich nachbearbeitet von Thilo Heyl
In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts versorgt sich das Krankenhaus zu einem großen Teil über die angegliederte Ökonomie: Landwirtschaft und Tierhaltung auf dem Gelände des Krankenhauses kommen Patienten und Personal zugute. Die Ökonomie wird in der Folgezeit jedoch allmählich aufgegeben.
1914
Während des Krieges müssen zeitweise sogar zwei Patienten gleichzeitig im Operationssaal operiert werden. (Foto Archiv Johann Winter-Museum, Andernach)
Mit dem Beginn des 1. Weltkriegs wird das St. Joseph Krankenhaus wieder zum Hilfslazarett. Bis zum Kriegsende 1918 werden über 3.500 Soldaten medizinisch und pflegerisch versorgt.
1916
Thekla von Düsseldorf, 1823-1916 (Abbildung Mittelrhein Museum, Koblenz)
Noch während des Krieges erhält die Stiftung mit dem Vermächtnis der adligen Dame Thekla von Düsseldorf einen erheblichen Zuwachs in schweren Zeiten. Als sie 1916 stirbt, hinterlässt sie dem Krankenhaus insgesamt 100 Morgen Land "zum Wohle der Kranken".
1921 - 1923
Ordensschwester schenken sog. stadtarmen Kindern Obst (Foto Archiv der Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus, Trier)
Auf Drängen der Bürgermeister hatte die Hospitalkommission immer wieder Grundstücke verkauft, statt, wie vorgesehen, nur zu tauschen. Während der Inflation geht dieses Geld zum großen Teil verloren. Trotz der schwierigen finanziellen Situation in dieser Zeit unterstützen die Ordensschwestern die Bevölkerung und bieten Armenspeisungen an.
1929/1930
Erster Anbau (1930) an das Krankenhaus (Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital)
Nach dem Ende der Inflation gelingt es der Hospitalkommission, die seit der Kriegszeit und in der Zeit danach entstandenen Schäden allmählich zu beseitigen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Patienten immer weiter an und 1926 versorgt das St. Josef-Krankenhaus bereits über 1.000 Patienten. Dies führt jedoch zunehmend zu Problemen bei der Unterbringung, zumal 1928 auch eine HNO-Station eingerichtet wird. 1929 wird daher der Beschluss umgesetzt, einen Anbau am Krankenhaus zu errichten. Das ein Jahr später eingeweihte und zum Rhein ausgerichtete Gebäude verfügt nun auch über einen Aufzug. Patienten müssen jetzt nicht mehr mühsam über die Treppen transportiert werden.
1933
Ausschnitt aus dem von Dr. Toll verfassten Schreiben (Stiftung St. Nikolaus-Stiftshospital)
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten übernimmt der neue Bürgermeister Dr. Toll den Vorsitz des Verwaltungsrates, wie das Gremium nun heißt. Als bekennender Christ betont er, entgegen der Parteilinie, die Selbständigkeit der Stiftung. Um dies zu unterstreichen, überzeugt er den Verwaltungsrat, dass das St. Josef-Krankenhaus wieder seinen alten Namen "Stiftshospital zum hl. Nikolaus" erhält.
1. April 1935
1935/36 wird der Haupteingang umgestaltet und auf die Ostseite des Krankenhauses verlegt (Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital)
Nach dem Rücktritt von Dr. Toll übernimmt Alois Spaniol das Bürgermeisteramt und damit den Vorsitz des Verwaltungsrates. Ganz im Sinne der Partei versucht er von Anfang an den Stiftungscharakter des Stiftshospitals aufzuheben, das Krankenhaus zu kommunalisieren und die Ordensschwestern zu vertreiben. Die Stiftung bleibt nur deshalb erhalten, weil der Bürgermeister 1942 zur Wehrmacht eingezogen wird und sein Bestreben nicht mehr umsetzen kann.
November 1939
1940,ein Militärkonzert für Patienten und Personal auf dem Gelände des Krankenhauses (Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital)
Zwei Monate nach Beginn des 2. Weltkriegs wird das Stiftshospital wieder Reservelazarett und die Wehrmacht beansprucht Teile des Krankenhauses für ihre Zwecke. Bis zum Kriegsende werden über 3.500 Soldaten im Stiftshospital versorgt.
Oktober 1944
Krankenpflegeschule um 1960 (Foto Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital)
Seit 1908 wurden im Stiftshospital in unregelmäßigen Abständen Kurse in Krankenpflege angeboten. Doch erst ab Oktober 1944 wird am Krankenhaus mit staatlicher Genehmigung eine Krankenpflegeschule dauerhaft eingerichtet. Dabei wird der zunehmende Bedarf an Pflegekräften in der letzten Phase des Krieges eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Anfang der 1960er Jahre gehört das Stiftshospital zu den beiden ersten Krankenhäusern in Deutschland, die Schwesternschülerinnen aus Südkorea in die Krankenpflegeschule aufnehmen. Die Leitung der Schule liegt über mehrere Jahrzehnte in den Händen von Ordensschwestern. Diese Phase endet 1996. Ab 2000 erweitert sich das Aufgabengebiet der Krankenpflegeschule stetig und im Zuge einer Reorganisation wandelt sich die Einrichtung 2018 schließlich zum heutigen Bildungszentrum für Gesundheitsberufe.
Dezember 1944/Januar 1945
Die Leifert'sche Brauerei direkt neben dem Stiftshospital mit der Kennzeichnung des Roten Kreuzes, Luftbild des US-Militärs vom März 1945, Ausschnitt (Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH für die St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH, farblich nachbearbeitet von Thilo Heyl)
Im September des Jahres 1944 werden die im Stiftshospital versorgten Soldaten in das Kriegslazarett (heute Krahnenberg-Kaserne) verlegt. In der Zeit zwischen dem 26. Dezember 1944 und dem 6. Januar 1945 kommt es zu schweren Bombenangriffen, die auch einige Schäden am Andernacher Krankenhaus anrichten.
März bis Juli 1945
Amerikanische Soldaten rücken in der Hochstraße vor. Rechts das zum Hilfslazarett umfunktionierte Heimatmuseum (Stadtmuseum Andernach)
Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 9. März 1945 wird das Stiftshospital für kurze Zeit beschlagnahmt. Wenig später erhält der Verwaltungsrat von der US-Militärregierung die Order sich aufzulösen, damit ein neues, nicht belastetes Gremium gebildet werden kann. Bei der Wahl im Juli des Jahres steht jedoch kein Bürgermeister für den Vorsitz zur Verfügung und die Mitglieder wählen Pfarrer Adolf Rosch für dieses Amt. Damit erlischt der Einfluss des Bürgermeisters auf das Grundstücksvermögen des Stiftshospitals, wodurch der Stiftung in der Vergangenheit mehrfach empfindlicher Schaden entstanden war. Noch im selben Monat erstellen Rosch und Franz Lenze eine neue Satzung für die Stiftung, die nicht nur wesentliche Änderungen in der Struktur des Verwaltungsrates beinhaltet, sondern auch deutlich mehr Rechtssicherheit vor ungewollter Auflösung der Stiftung gibt.
In diese nicht einfache Zeit fällt auch die Feier der nun 100 Jahre währenden Tätigkeit der Schwestern des hl. Karl Borromäus im Stiftshospital.
1950er Jahre
links:Phillip Géronne, Verwaltungsratsvorsitzender von 1950-1965, mit dem internistischen Chefarzt Dr. Pomp bei der Eröffnung der neuen Röntgenabteilung (Foto: Historisches Archiv, St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH)

Das Stiftshospital mit neuem Dachgeschoss, in dem die Säuglingsabteilung untergebracht ist. Auf der Rückseite des Krankenhauses: das alte Klostergebäude. Unten links die Anbauten von 1930, rechts davon das Adolf-Rosch-Haus (Luftaufnahme 1956, Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital)
Bereits 1947 wird der Beschluss gefasst, das medizinische Angebot mit der Einrichtung einer Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe zu erweitern. Doch die steigende Zahl an Patienten erfordern weitere Maßnahmen. Nach dem Tod von Pfarrer Rosch (gest. 1950) ist es sein Nachfolger im Amt des Verwaltungsratsvorsitzenden, Phillip Géronne, der in diesem Jahrzehnt die erste große Erweiterungsphase des Krankenhauses in Gang setzt. In rascher Folge entstehen ein Isolierhaus, Ärztehäuser an der Hochstraße, ein weiterer Gebäudeflügel mit zusätzlichen Betten und neuen OP-Räumen sowie ein Anbau in Richtung Stadtmauer mit einer Erweiterung der Röntgenabteilung.
Mit der Aufstockung des Hauptgebäudes um eine weitere Etage und der Erweiterung in Richtung Hospitalkapelle verfügt das Stiftshospital im Verlauf der fünfziger Jahre schließlich über 400 Betten.
Die 1960er Jahre

Der zur Stadtmauer zeigende Erweiterungsbau mit der Radiologie und weiteren Patientenzimmern kurz nach der Fertigstellung (Foto in: T. Gehards, Das Stiftshospital zum Hl. Nikolaus, Andernach 1964)

Rechts, mit großzügigen Balkonen, der Gebäudetrakt für Privatpatienten (Foto: Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH)

Haus Ernestus im Jahr der Neueröffnung (Foto: T. Gerhard, "Das Stiftshospital zum hl. Nikolaus", Andernach 1964)
Im November 1960 beginnen die Bauarbeiten für die nächste Erweiterung des Andernacher Krankenhauses. Der für die Röntgenabteilung errichtete Flachbau wird zu einem dreigeschossigen Gebäude vergrößert. Bereits 1962 stehen hier 60 weitere Betten zur Verfügung und werden von den Fachabteilungen Radiologie, Unfallchirurgie, Urologie und von den Belegärzten genutzt.
Es ist die Blütezeit des Stiftshospitals. Mit dem sich an das Gebäude aus dem Jahre 1930 anschließenden und dem Rhein zugewandten Trakt für Privatpatienten wird die Bettenkapazität um 30 Betten erhöht. Auch der Operationsbereich wird vergrößert und verfügt nun über fünf OP-Säle. In der Mitte der 1960er Jahre erreicht das Stiftshospital die Zahl von 500 Betten in zehn Fachabteilungen und damit auch seinen Zenit.
Zu Beginn der 1960er Jahre beschließt der Verwaltungsrat, dass man der traditionellen Aufgabe, alten Menschen einen Heimplatz zu bieten, wieder gerecht werden will. Dieses Ziel ist der Tatsache geschuldet, dass man während des Krieges die im Klosterbereich lebenden alten Menschen auf umliegende Altenheime verteilt hatte, um dort Platz für verwundete und kranke Soldaten zu schaffen. Das von Phillip Géronne angestoßene Projekt eines neuen Altenheims kann allerdings erst 1964 der Öffentlichkeit präsentiert werden. Günstig neben dem Krankenhaus und nah am Stadtzentrum gelegen, findet das nach dem Stiftungsgründer benannte „Haus Ernestus" mit 54 Heimplätzen schon sehr bald Zuspruch in der Bevölkerung.
Die 1970er Jahre
In den 1960er Jahren entwickelt sich das Stiftshospital zu einem weitverzweigten Krankenhauskomplex (Foto aus: T. Gerhards "Das Stiftshospital zum hl. Nikolaus", Andernach 1964, farblich nachbearbeitetes Foto: Historisches Archiv, St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH)

Personalwohnheim und Krankenpflegeschule, Luftbildausschnitt 1985 (Historisches Archiv, St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH)
Im Januar des beginnenden Jahrzehnts teilt der Verwaltungsratsvorsitzende Dr. Seul der Öffentlichkeit mit, dass sich der Stadtrat, die Stadtverwaltung und das Sozialministerium des Landes Rheinland-Pfalz einig seien, dass ein Neubau des Andernacher Krankenhauses unumgänglich sei. Obwohl in den vergangenen zehn Jahren An- und Neubauten hinzugekommen waren, ist der Großteil der Bausubstanz veraltet und der Krankenhauskomplex durch die verschiedenen Gebäude zu weitläufig geworden. Auch benötigt die sich weiterentwickelnde Medizin zusätzliche Räume für Diagnostik und Therapie.
Ein erster Schritt besteht darin, ein neues sechsgeschossiges Personalwohnheim auf dem Gelände zwischen der Hochstraße und der Krankenhauskapelle zu errichten. Der Bau enthält 80 Einzelzimmer für das Personal sowie eine neue Energiezentrale und eine Zentralwäscherei für das Krankenhaus und ist bereits Ende 1971 fertiggestellt. In einem nächsten Bauabschnitt schließt sich bis 1975 ein Gebäude mit einer neuen Krankenpflegeschule und Unterkünften für die Auszubildenden an.
In dieser Zeit beginnt sich jedoch die Krankenhauslandschaft nachhaltig zu verändern. Die von der Politik gewollte Kürzung der Liegezeiten und die Tendenz, viele Erkrankungen nicht mehr stationär zu behandeln, führen 1976 mit dem Krankenhauszielplan zu einer Reduzierung der Krankenhausbetten, wovon auch das Stiftshospital betroffen ist. Hinzu kommt, dass in Koblenz und Neuwied bereits Krankenhausneubauten errichtet wurden, weshalb das Andernacher Stiftshospital an Attraktivität verliert. Es gerät zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten und schließlich in eine existenzbedrohende Situation.
Die 1980er Jahre

Der mit dem Rohbau des 1. Bauabschnitts verbundene Altbau (Foto: Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH)

Grundsteinlegung für das neue Seniorenzentrum Marienstift 1989 (Foto: Karl-Peter Schmelzeisen)
Rettung bringt 1981 die Gründung einer GmbH. Der Betrieb des Krankenhauses wird aus der Stiftung ausgegliedert und der GmbH übertragen. Vier Gesellschafter bestimmen nun die Geschicke des Krankenhauses. Um den christlichen Charakter der Einrichtung zu erhalten, gehört neben der Pfarrei Maria Himmelfahrt auch weiterhin die Stiftung zu den Gesellschaftern, zudem der Caritasverband für die Diözese Trier e.V. sowie die Caritas Trägerschaft West gGmbH. Mit dieser neuen Rechtsform beginnt für das Stiftshospital wieder ein neues Kapitel in seiner langen Geschichte.
Noch im gleichen Jahre erhält das Stiftshospital die Anerkennung als Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Bonn.
Das wirtschaftliche Konzept unter der neuen Geschäftsführung der GmbH überzeugt auch die Landesregierung und finanzielle Mittel für ein neues Krankenhaus werden genehmigt. 1982 wird der Grundstein für den ersten Bauabschnitt gelegt.
1984 entgeht das Stiftshospital nur knapp einer Katastrophe. Bei Schweißarbeiten gerät das Dach des Neubaus in Brand und nur ein Großeinsatz der Feuerwehren aus Andernach und der Umgebung verhindert das Schlimmste. 1985 kann der 1. Bauabschnitt mit drei Stationen und einer Cafeteria sowie ein neuer Kreissaal, eine Operationsabteilung mit Zentralsterilisation und eine Abteilung für Physikalische Therapie in Betrieb genommen werden.
Ebenfalls 1985 gründet sich der Förderverein "Altenheim Marienstift e.V., das Engagement der Mitglieder wird für das Marienstift bald unverzichtbar.
1989 beginnt man mit der Errichtung des Seniorenzentrums "Marienstift" und trägt damit dem weiter gestiegenen Bedarf an Heimplätzen für alte Menschen Rechnung.
Die 1990er Jahre
Das Seniorenzentrum Marienstift nach der Fertigstellung (Foto: Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH)
Das neue Seniorenzentrum schließt sich nach der Fertigstellung 1991 direkt an das Haus Ernestus an, das im Zuge der Projektumsetzung von 1992-1994 saniert und modernisiert wird. Beide Gebäude bilden heute eine funktionelle und optische Einheit und bieten 132 Bewohnern ein Zuhause.
Noch im Jahr 1990 gründet sich auch ein Förderverein für das Krankenhaus. Mit den gesammelten Spendengeldern kann der Verein über die Jahre immer wieder zusätzliche Anschaffungen für Medizin und Pflege im Krankenhaus tätigen.
Nach mehrjähriger Bauzeit wird 1994 der Bauabschnitt 2.1 des neuen Krankenhauses fertiggestellt. 300 Patienten können nun in zeitgemäßen Räumlichkeiten versorgt werden. Eine neue operative Ambulanz, die Röntgenabteilung und ein Teil der Verwaltung sind dort ebenfalls untergebracht. Der Altbau des Krankenhauses, der fast 100 Jahre bestanden und nun ausgedient hat, wird noch im gleichen Jahr abgerissen. Mit der Inbetriebnahme des Bauabschnitts 2.2 im Jahr 1998, kann das Labor, das bislang im sog. "Rosch-Haus" untergebracht war, umziehen. Auch die Apotheke und die Funktionsräume der Inneren Medizin finden in dem neuen Anbau angemessene Räumlichkeiten.
Am 26. Juni 1998 wird das neue Krankenhaus von Bischof Spital feierlich eingeweiht. Das St. Nikolaus-Stiftshospital gehört nun zu den modernsten Krankenhäusern am Mittelrhein.
2000 bis Heute
Das neue Verwaltungsgebäude (Bauabschnitt 3) gegenüber der Hospitalkapelle (Foto: Historisches Archiv St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH)
Auch die ersten Jahrzehnte des neuen Jahrtausends sind geprägt von Bautätigkeiten und Innovationen verschiedenster Art. Noch im Jahr 2000 kann der 3. Bauabschnitt des Krankenhauses mit einem modernen Verwaltungsbereich in Betrieb genommen werden. 2004 erhält das St. Nikolaus-Stiftshospital einen Magnetresonanztomograph (MRT), der die Diagnostik mit dem bereits vorhandenen Computertomograph (CT) ergänzt. 2019 wird das MRT fast vollständig modernisiert, der Austausch des CT erfolgt im Jahr 2025.
2009 eröffnet die St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH eine Palliativ-Einheit mit fünf Betten, die 2021 neugestaltet und auf acht Betten erweitert wird.

Schwestern vom hl. Karl Borromäus in ihrer Klausur, November 2014 (Foto: Thilo Heyl)
2014 beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Stiftshospitals. In diesem Jahr ändert sich Konstellation der Gesellschafter der St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH. Drei der vier Gesellschafter verlassen die GmbH und die Stiftung übernimmt wieder die alleinige Verantwortung.
Im Dezember geht auch die fast 170 Jahre währende Präsenz der Schwestern vom Hl. Karl Borromäus im Stiftshospital zu Ende. Nachwuchsprobleme und das fortgeschrittene Alter der sechs verbliebenen Ordensfrauen lassen die Generaloberin im Mutterhaus in Trier den Entschluss fassen, die Schwestern aus Andernach abzuberufen.
Eingangsbereich MVZ St. Nikolaus-Stiftshospital, 2019 (Foto: Nina Schneiß)
2016 wird das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) St. Nikolaus-Stiftshospital gegründet, das – in den folgenden Jahren immer weiter ausgebaut – heute eine breite interdisziplinäre ambulante Patientenversorgung mit der Nähe zum Krankenhaus bietet.

Dank der Bevölkerung an die Ärzte und Pflegekräfte im St. Nikolaus-Stiftshospital 2020 (Foto Thilo Heyl)
2020 wird das St. Nikolaus-Stiftshospital im Verlauf der sich ausbreitenden Covid-19-Pandemie Anlaufstelle zahlreicher Erkrankter. Ärzte und Pflegekräfte sind in dieser Zeit besonders gefordert. Noch während der Pandemie, im August 2020, nimmt die neue Intermediate-Care-Station (IMC) ihren Betrieb auf. Diese fungiert als Bindeglied zwischen Intensiv- und Normalstation und bietet engmaschige Überwachungsmöglichkeiten.
2025: das Krankenhaus St. Nikolaus-Stiftshospital mit dem Seniorenzentrum Marienstift (l.) und dem MVZ St. Nikolaus-Stiftshospital (r.), (Foto: Holger Lindner)
Am 1. September 2020 folgt die Eröffnung des neuen Herzkatheterlabors (HKL). Es ist das modernste HKL in Rheinland-Pfalz.
Im Juli 2022 kommt das St. Nikolaus-Stiftshospital dem durch die demographische Entwicklung gestiegenen Bedarf an medizinischer und pflegerischer Versorgung von älteren Patienten mit der Eröffnung einer Akutgeriatrie nach.
Nach der Beendigung von drei Bauabschnitten steht den Patienten, die das Krankenhaus aufsuchen, zu Beginn des Jahres 2024 eine neukonzipierte hochmoderne Zentrale Notaufnahme zur Verfügung. Es folgen die Einstufung zum Lokalen Traumazentrum durch die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie sowie die Anerkennung als Notfallstufe 2 durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen.
2025 wird die durch die Stiftung finanzierte Generalsanierung des Seniorenzentrums abgeschlossen. Über mehrere Jahre waren aufwendige Sanierungsarbeiten erfolgt, u.a. am Dach und an den Balkonen, Renovierung von Bewohnerzimmern und Fluren, Installation einer neuen Lichtruf- und Brandschutzanlage, WLAN-Verkabelung, Elektroinstallationen sowie die Neueinrichtung von Pflege-Dienstplätzen. Darüber hinaus wurde der Wohnbereich für an Demenz erkrankte Bewohner vollständig kernsaniert und liebevoll neugestaltet.
Zu den jüngsten Projekten des MVZ St. Nikolaus-Stiftshospitals gehört die Eröffnung eines Telemedizinischen Zentrums (TMZ), das erste seiner Art in der Mittelrheinregion. Hierbei werden die Vitaldaten von Patienten mit schwerer Herzschwäche zuhause in einem Monitoring aufgezeichnet und an die Ärzte im Telemedizinischen Zentrum übermittelt.
Fortschritt, Weiterentwicklung und die Anpassung an die Anforderungen unterschiedlicher Zeiten, aber auch das Bewusstsein im christlichen Auftrag der Stiftungsgründer zu handeln, waren von Beginn an Bausteine, welche die lange Geschichte der Stiftung St. Nikolaus-Stiftshospital geprägt und zu Erfolg geführt haben. In dieser langen Tradition des Helfens bieten die Einrichtungen der St. Nikolaus-Stiftshospital GmbH sowie das MVZ St. Nikolaus-Stiftshospital heute eine hochprofessionelle und leistungsfähige medizinische und pflegerische Versorgung zum Wohle der Patienten und Bewohner an.